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Albertine Sarrazin – Astragalus

April 1st, 2013  |  Published in Allgemein, Buchtipp, Buchtipp_2012

Gerade ist die Neuübersetzung des 60er-Jahre-Kultbuchs „Astragalus“ im Hanser Verlag erschienen. Darin erzählt Albertine Sarrazin die Geschichte der jungen Diebin Anne, die sich bei ihrer Flucht aus dem Zuchthaus ihr Bein verletzt, sich von einem Einbrecher-Kollegen halbwegs gesund pflegen lässt, bis sie sich gezwungenermaßen humpelnd auf dem Strich durchschlagen muss. Auch die Autorin Sarrazin floh als Jugendliche aus einer Erziehungsanstalt, wobei sie sich eine ähnliche Verletzung zuzog. Sie musste in Paris auf den Strich gehen und verliebte sich wie Anne in ihren Retter.

Sarrazins Schilderung ist präzise, mitleidlos sich selbst gegenüber, sprachlich originell und erstaunlicherweise nicht unbedingt spannend. Das liegt daran, dass der Roman zum größten Teil Phasen des Wartens, des Stillstands, beschreibt. Die Erzählerin berichtet distanziert und kühl von ihren Gefühlen, Schmerzen und Hoffnungen in Situationen, in denen sie sowohl ihrem eigenen (verletzten) Körper als auch anderen Personen hilflos ausgeliefert ist. Von Sentimentalität oder Gauner-Romantik keine Spur:

„Mein Kopf ist voll Watte, die Watte ballt sich zu einem immer härteren Knäuel zusammen. Ich muss durch Paris laufen, muss den Geruch der Straßen am Morgen, der Marktgassen im Gedränge (…) wiederfinden. Vielleicht verlasse ich sogar das Viertel der schlecht frisierten Frauen und Männer in ihren formlosen Blaumännern und dringe zu den sauberen Gassen vor, ins Zentrum der Stadt…“

Der Roman ist auch als Zeitdokument zu lesen. Es ist ein lange verschwundenes Frankreich, das in Sarrazins Geschichte einer Jugend wieder aufersteht. Die düstere, doch auch seltsam unschuldige Welt der fünfziger Jahre: Das Zusammenleben der Großfamilien, winzige Wohnungen ohne Bad, Landleben am Rande der Stadt, billige Hotels, ständiger Alkohol- und Nikotinkonsum, Armut, kleinbürgerlicher Muff und große Hoffnungen. Man fühlt sich erinnert an die frühen Filme Godards und Truffauts.

Doch am stärksten in Erinnerung bleibt die Erzählerin selbst – und ihr unnachgiebiger Wille zum Kampf um Freiheit und Selbstbestimmung, ungebrochen angesichts aller Niederlagen:

„Ich lächle. Julien wird uns vorbeigehen sehen, er wird verstehen, dass ich etwas zu spät komme und dass es nicht meine Schuld ist. – Mach dir bloß keinen Kopf, auf der leuchtenden Plattform finden wir uns wieder.(…) Egal, ich laufe. Vor dem Bullen gehe ich die Treppe hinunter und humpele kaum.“


Ein Roman, der von Barbara Ter-Nedden empfohlen wird.

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