Parkbuchhandlung

Jennifer Egan – Der größte Teil der Welt

Juni 11th, 2012  |  Published in Allgemein, Buchtipp

Jennifer Egans Roman hat eine ungewöhnliche Form: 13 Kurzgeschichten porträtieren 13 Personen in unterschiedlichen literarischen Stilen. Beginnend in den späten Siebziger Jahren spinnt Egan ihre Geschichten über die Neunziger bis in die Zukunft hinein. Geschildert werden die individuellen, persönlichen Veränderungen der 13 Figuren ebenso wie die Veränderungen im sozialen Gefüge. Im Zentrum stehen aber die Figuren, ihre Freundschaften, Arbeits- und Liebesbeziehungen und das über ein halbes Leben hinweg. Jede Geschichte spielt zu einer anderen Zeit und an verschiedenen Orten. Der größte Teil der Handlung spielt sich in den USA, in New York ab, aber die Figuren bewegen sich auch mit einer afrikanischen Safari und zu Fuß in Neapel durch die Geschichte. Wir tummeln uns in Punkerkreisen, in PR-Agenturen, Tennisklubs und in stinknormalen Familien. Das hört sich verwirrend an und das ist es auch teilweise: Aufmerksames Lesen empfiehlt sich bei so einem großen Figurenstab und es lohnt sich! Die Handlung kristallisiert sich um Sasha herum: Man erfährt in den meisten Geschichten etwas über die junge Frau, die einerseits als rechte Hand eines Musikproduzenten arbeitet, andererseits anderen Menschen persönliche Dinge stiehlt und sie zu Hause wie Heiligtümer auf einen Tisch türmt und nie wieder anrührt. Neben Sasha erfährt man in den Geschichten auch etwas über ihren Chef: In einem ersten Leben Punkmusiker produziert er nun für einen großen Konzern Mainstreammusik, hat Probleme mit seinem Verlangen und liebt seinen Sohn. Er macht sich Gedanken um Sasha – als Chef und als Mann, der sie begehrt. Dann wieder geht es um Sashas Onkel und seine Suche nach ihr in Europa. Sasha ist seit mehreren Jahren verschwunden und der Onkel wird beauftragt, sie in Europa zu suchen. Doch der Onkel will eigentlich nur europäische Kunst anschauen und drückt sich vor seinem Auftrag, zu verstrickt ist er in sich selbst. Er erzählt uns etwas über Sashas Kindheit und als er sie in Neapel findet, erleben wir sie selbst in einem finsteren Lebensmoment. Sashas Geschichte ist das Gerüst des Romans, aber dieses Gerüst trägt viele Leben.

Egan schafft es, dass man die Geschichten und ihre Figuren im Herzen trägt. Nicht sofort – man braucht Zeit, sich an die Helden und Antihelden zu gewöhnen, aber das Personal begleitet auch nach Abschluss des Romans noch lange durch den Alltag. Man spinnt die Verbindungen der Protagonisten untereinander weiter, Verbindungen offenbaren sich, die man zuvor nicht bemerkte, die Figuren führen ein Doppelleben im Leser. Vielleicht liegt es daran, dass immer nur Schlaglichter geworfen werden, dass kurz etwas aufblitzt, das der Leser weiterverfolgen will, während die Geschichte ihren Spot schon auf die nächste Figur richtet. Egan, die für ihren Roman 2011 den Pulitzerpreis erhielt, wollte, dass jede Geschichte für sich stehen und unabhängig gelesen werden kann. Das hat sie durchaus geschafft und noch mehr: Jede Episode enthält Stoff für einen eigenen Roman, so dicht schreibt sie. Allerdings muss man sich sehr viele Namen und Lebensgeschichten merken. Aber das ist der Preis der Vielfalt, man zahlt ihn gern! Das Verschwinden des auktorialen Erzählens ist Egan jedenfalls nicht vorzuwerfen. Hier kreist niemand um sein popkulturelles Ich, wie man nach einem Blick auf das Cover vermuten könnte (es ist rot und der Kopf einer Gitarre ist dick und schwarz darauf abgebildet). Egan fühlt sich so sensitiv in ihre Protagonisten ein, betrachtet sie von so vielen Seiten durch so bewegte Jahrzehnte hinweg, dass man nur beeindruckt sein kann.

Es ist ein Buch, das beim zweiten Lesen sicher noch mehr Freude macht. Geeignet ist es für alle, die sich von der etwas wirren Strukturen nicht schrecken lassen, ungewöhnliches Erzählen mögen und mal wieder Lust auf einen etwas dickeren Roman haben. Auch junge Menschen ab 16, so sie denn literarisch schon etwas „belastbarer“ sind, kann man mit diesem Buch gut beschenkt.

Eine Empfehlung von Nina Nafé

 

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