Parkbuchhandlung

Ruth Ozeki – Geschichte für einen Augenblick

April 20th, 2014  |  Published in Allgemein, Buchtipp

Hallo! Ich heiße Nao, und ich bin Sein-Zeit, ich bin Sein und ich bin Zeit. Weißt du, was das ist? Wenn du einen Moment Zeit hast, erzähl ich es dir … Ich sitze gerade in einem französischen Dienstmädchencafé in Akiba Electricity Town und höre ein trauriges Chanson, das irgendwann in deiner Vergangenheit spielt, die zugleich meine Gegenwart ist, schreibe dies und mache mir Gedanken über dich, irgendwann in meiner Zukunft. Und wenn du das hier liest, machst du dir vielleicht jetzt auch Gedanken über mich. Du machst dir Gedanken über mich. Ich mache mir Gedanken über dich. (S.9)

So beginnt das Tagebuch eines japanischen Mädchens Nao, das über magische Geheimnisse, aber auch über ganz reale Probleme philosophiert. Besonders liebevoll spricht Nao von der geliebten Urgroßmutter Jiko, die als Nonne in einem zen-buddhistischen Kloster lebt und behauptet 104 Jahre alt zu sein. Von Jiko lernt Nao, Probleme durch richtiges Atmen anzugehen. Sie lernt, wie man meditiert und wie man jeden Augenblick im Jetzt lebt. All ihre Gedanken schreibt Nao in ein geheimnisvolles rotes Tagebuch mit dem Aufdruck von Marcel Prousts Roman “À la recherche du temps perdu”.

Dieses rote Tagebuch, geschützt durch eine Plastiktüte, findet die japansich-amerikanische Schriftstellerin Ruht am Strand einer kanadischen Pazifikinsel. Sie fragt sich, wie das Buch hierherkam. Ist es erstes Schwemmgut aus Japan vom Tsunami? Sie beginnt zu lesen. Erst zögerlich, dann wie gebannt. Schulmädchenprobleme, Mobbing an der Junior-Highschool. Ein arbeitsloser Vater, der die Wohnung kaum noch verlässt. Eine depressive Mutter, die blass und schön gern Quallen im städtischen Aquarium beobachtet. Ein Großvater, der im zweiten Weltkrieg als Kamikazekrieger gestorben ist. Naos Erzählton klingt heiter und naiv. Sie ist nicht immer fröhlich, denn manchmal schlägt dieser lockere Erzählton um in Verzweiflung, Wut und Schmerz. Es folgen Geständnisse, wobei die Leserin dem Mädchen sehr nahe kommt. Parallel zu Naokos Tagebuchnotizen, erlebt man Ruth. Deren Leben sich ebenfalls verändert. Beim Lesen überdenkt sie ihre eigene Situation als Schriftstellerin, zwei starke, unvergessliche Charaktere und eine Fülle von neuen Erkenntnissen.

Quantenmechanik ist bizarr und ihre Aussagen nicht nur für Laien schwer zu verstehen. Da kommunizieren Teilchen mittels Fernwirkung über Millionen von Kilometern miteinander oder durch Spalten tretendes Licht bildet bizarre Muster, die auf seine Welleneigenschaft deuten. Doch sobald ein Beobachter zuschaut mutiert die Lichtwelle zum Teilchen. Zum Schluß steht man vor dem Unvorstellbaren der Viele-Welten-Interpretation: alle möglichen unterschiedlichen Vergangenheiten des Universums existieren tatsächlich. An jedem Punkt der Zeit teilt sich das Universum in eine Vielzahl von Existenzen auf, in denen jeder mögliche Ausgang jedes Quantenprozesses stattfindet. Die amerikanische Autorin mit japanischen Wurzeln, die zudem Zen-Priesterin ist, verwebt all diese physikalischen Phänomene auf atemberaubende Art und Weise mit buddhistischen Weisheiten und macht daraus eine bewegende, ungeheuer starke Geschichte. Sie bewegt sich zwischen Japan, Kanada und den USA. 550 Seiten randvoll mit Wissen, Mythen und Intellekt, aber dennoch sehr lesenswert und fesselnd erzählt. Kein Buch für ungeduldige Leser, sondern für Leute, die Lust haben, in die japanische Gedankenwelt einzudringen und die Entwicklung von zwei starken Frauen zu erleben. (Barbara Ter-Nedden)

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