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Thomas Hettche – Pfaueninsel

September 2nd, 2014  |  Published in Allgemein, Buchtipp

Zu Tränen gerührt hat mich das Schicksal der Zwerging Maria Dorothea Strakon, die schon im Kindesalter als „königlicher Pflegling“ auf die Pfaueninsel in der Havel zwischen Potsdam und Berlin gekommen ist. Dort in das Gartenrevier unter der Leitung des Hofgärtners Ferdinand Fintelmann. Die Erziehung der Waisenkinder, ihr Bruder, auch ein Zwerg, ist philanthropisches Engagement und halb Unterhaltung des Hofstaats. Marie wird Schlossfräulein und damit lebendige Kulisse für die wechselnden Selbstinszenierungen der Feudalgesellschaft. Diese Szenen erinnern sofort an die Theaterabschnitte in Wilhelm Meister, der ebenfalls scherzlich erlebt wie er als Schauspieler nicht Individuum sondern Werkzeug für die Unterhaltung des Adels ist.

Thomas Hettche lässt seinen neuen Roman in turbulenten Zeiten beginnen. 1810, als die Handlung einsetzt, wird der Besuch Hardenbergs angekündigt, der kurz danach mit seinen Reformen die Modernisierung des Preußenstaats einleitet. Auf der Pfaueninsel ist davon – wie von den Befreiungskriegen und anderen Haupt- und Staatsaktionen – nur wenig zu spüren. Nach der Märzrevolution 1848 findet der Prinz von Preußen, der spätere Wilhelm I., hier für eine Nacht Zuflucht. Auf der Pfaueninsel gibt es Turbulenzen anderer Art: Der Wechsel des Zeitgeschmacks in der Gartenkunst. Vor allem die Berufung Peter Joseph Lennés zum Aufseher über die preußischen Gärten bedeutet eine Revolution für die lange abgeschiedene Insel. Aus der zwar pittoresken, aber doch nützlichen Landwirtschaft wird ein am Reißbrett entworfenes Gesamtkunstwerk, ein botanischer und zoologischer Themenpark – und eine touristische Attraktion für das Berliner Bürgertum.

Mit großem Einfühlungsvermögen und liebevollem Blick hat Thomas Hettche seine Hauptperson die Zwergin Marie dargestellt: Die inzestuöse Beziehung zu ihrem Bruder (zeitgenössisch vermutlich weniger anstößig als heute) ihre zwar erwiderte, aber dennoch unerfüllte Liebe zu Gustav, dem Hofgärtner-Neffen, der sich später auf brutale Weise aus seinenr emotionalen Beziehung zu ihr zu lösen versucht, Maries Sehnsucht und handfestes körperliches Verlangen. Schließlich die Tragik einer unerfüllten Mutterschaft. Sie ist guter Geist der Insel bis zum Schluß, die Brücke im Wandel der Zeit. Sie ist Abbild der vormoderne Welt der Sagen und Märchen. Sie ist insofern das eigentliche Gegenbild zu den rationalistischen Machern wie Lenné, dessen Schönheitssinn von ihrem Anblick gestört wird. Das dampfmaschinengetriebene neunzehnte Jahrhundert träumte von der absoluten Naturbeherrschung; die unzähligen Tierkadaver auf der Insel weisen schon voraus auf die zahllosen Opfer der Moderne, die noch folgen werden.

Weinen Sie mit mir und lassen Sie sich einhüllen von dem Sound einer vergangenen Epoche, den Thomas Hettche gegen die Schnelligkeit und gegen den medialen Wandel evoziert hat. So muß Literatur klingen. (Barbara Ter-Nedden)

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