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Das Murakami-Phänomen

September 7th, 2018  |  Published in Allgemein, Buchtipp

Murakami ist so etwas wie ein Kulturautor geworden. Vor allem in Japan wird häufig von einem „Murakami-Phänomen“ gesprochen, aber auch in Deutschland warten seine Fans ungeduldig auf jede Neuerscheinung und allen seinen Romanen wird ein Suchtpotential unterstellt. Sie verkaufen sich in windeseile und milionenfach. Ist das ein Kriterium für einen guten Roman? Nein, würde der redliche Buchhändler sagen. Doch in diesem Falls ist es erwähnenswert, weil seine Bücher trotz aller Popularität durchgestaltet und mit großer Kunst verwoben und angelegt sind. Er wird ja nicht nur deshalb als permanenter Literaturnobelpreiskandidat gehandelt, weil er in aller Welt begeistert gelesen wird, sondern vor allem, weil er zwischen den Welten schreibt, geographisch wie metaphorisch. Kafka hat einen wichtiger Einfluss auf seine Geschichten. Von ihm hat Murakami auch das Unbestimmbare übernommen, das Changieren seiner Protagonisten zwischen Wachen und Träumen. Darüberhinaus ist das traditionell japanische in seinen Romanen nicht zu übersehen.

In allen seinen Romanen treibt der Autor mit uns ein kompliziertes Spiel. Kaum glaubt man den richtigen Faden gefunden zu haben, schon verwirrt er sich wieder. Man kann im Grunde immer nur Teilaspekte darstellen und es bleiben – wie bei seinen Romanen – immer weiße Flecken. In „Die Ermordung des Commendatore“, im Frühjahr bei Dumont erschienen, führt uns der Autor wie in allen seinen Romanen in die reale Welt und in eine geistige Welt, in der die Ahnen leben, die in Japan eine viel größere Bedeutung haben als bei uns. Westlich gesehen würde man das Geschehen als eine Wanderung wie bei Dante durch das Todenreich bezeichnen oder wie bei Freud ein Hinabsteigen ins Unbewußte. Seine zentralen Personen sind suchende und sie finden ihren Weg in einer geistigen oder inneren Welt.

Worum geht es in der äußeren Geschichte? Der in die Einsamkeit gestoßene Auftragsporträtist, unser Erzähler ohne Namen, zieht sich in das Atelierhaus eines berühmten alten Kollegen zurück, der jetzt dement in einem Seniorenheim lebt. Er findet eines Tages auf dem Dachboden ein Gemälde des alten Malers und kurz darauf erscheint ein mysteriöser Mann, der ihm ungeheur viel Geld anbietet, wenn er ihn porträtiert. Er nimmt den Auftrag an und damit setzt ein rätselhaftes Geschehen ein. Glockenklingeln tönt aus einem Schrein auf dem Grundstück, ein Wesen, das behauptet nur eine Idee zu sein, materialisiert sich aus dem besagten Gemälde heraus. Das ist die Basis, die in Band eins ausgerollt wird, und auf deren Anlage nun Weiteres im Band zwei passiert: Alles dreht sich darin um ein junges Mädchen namens Marie, das eines Tages verschwindet. Unser Maler, zu dem sie ein Vertrauensverhältnis aufgebaut hat, sieht sich plötzlich gefordert – er muss und kann sie retten. Er wird in die Welt der Geisterƒ, der Ahnen, wenn man so will in die Unterwelt geschickt. Er begegtet einem Mann ohne Gesicht, durchläuft einen erdigen Geburtskanal, um dann am Ende wieder wie Phönix aus der Asche herausfinden – wie auch Marie wieder auftaucht – und kann geläutert in seine altes Leben zu seiner Frau zurückkehren.

Murakami löst alles ein, was Murakami-Leser von einem Murakami-Roman erwarten dürfen. Der Erzähler erfährt und wir mit ihm, dass die Beschränkung des Lebens auf Raum, Zeit und Wahrscheinlichkeit aufgehoben werden kann. Er erlebt, wie die Grenze zwischen Realität und Illusion durchlässig wird. Der Traum kann die Realität beeinflussen – das erleben wir oft bei Murakami – , die Realität kann zeitweise sogar ganz außer Kraft gesetzt werden. Mein Fazit: Murakamis weltweite Popularität hat zu tun mit einer universellen menschlichen Erfahrung, die sich in seinen Werken spiegelt. Er schafft in allen seinen Romanen eine Atmosphäre, in der wir uns unmittelbar zuhause fühlen. (Barbara Ter-Nedden)

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