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Leichter Atem von Iwan Bunin

25.00 

»Ein neuer Erzählband Iwan Bunins ist im letzten Jahr erschienen. Für mich eine Entdeckung. Als Bunin 1933 den Literaturnobelpreis erhielt, war das eine doppelte Premiere: Er war der erste Russe und zugleich der erste Emigrant, dem diese Ehre zuteil wurde. Seit 1920 lebte er im französischen Exil. Das Ziel seiner Geschichten verbleibt für mich in einer wagen Unsicherheit. Ist es Sozialkritik? Lokalpatriotismus? Jedenfalls sind seine Erzählungen exzellent und zeugen von tiefem Einfühlungsvermögen. Was mir besonders auffällt, sind die Hauptfiguren seiner Erzählungen: Junge Frauen, die schön und schwer zu durchschauen sind – und oftmals früh sterben. So wie die Gymnasiastin Olja Meschtscherskaja aus der Erzählung „Leichter Atem“, die dem vorliegenden Band den Titel gibt. Feminist wird Bunin nicht gewesen sein. Das Geschick seiner Frauengestalten aus der Oberschicht definiert er über ihr Verhältnis zu Männern und wenn sie das Geschehen selbstständig antreiben, dann nicht mit Taten, sondern durch ihre Gefühle, ihre Körperästhetik und durch das, was Bunin den „Zauber“ nennt, „den noch kein menschliches Wort auszudrücken vermochte“.

 

„Mit vierzehn Jahren zeichneten sich, bei zarter Taille und schlanken Beinen, bereits deutlich die Brüste und all jene Formen ab, deren Zauber noch kein menschliches Wort auszudrücken vermochte; mit fünfzehn galt sie als Schönheit. Wie sorgfältig einige ihrer Freundinnen sich das Haar legten, wie reinlich sie waren, wie sehr sie darauf achten, sich sittsam zu bewegen! Sie aber fürchtete nichts, weder Tintenflecke an den Fingern oder ein rot angelaufenes Gesicht noch zerzauste Haare oder ein entblößtes Knie, wenn sie beim Laufen stürzte.“
Der bereits zweimal mit dem renommierten Puschkin-Preis dekorierte Schriftsteller, von Maxim Gorki als „bester Stilist“ seines Landes bezeichnet, hält sich in den folgenden Jahren als Gast seiner Cousine auf dem Land auf. Für einige Monate reist er nach Petrograd, Moskau und Odessa, kehrt aber immer wieder zurück, bis er dem Landleben 1918 nicht ganz freiwillig entflieht und nach Odessa aufbricht. Nach der Oktoberrevolution verlässt er mit dem letzten Schiff nach Frankreich das Land, seitdem ist er – wie er selbst sagt – Flüchtling. Die meisten der 18 Erzählungen in „Leichter Atem“, von denen acht erstmals auf Deutsch erscheinen, entstanden 1916-1919.

 

„Ohne Zutun und Bemühen ihrerseits und gewissermaßen unmerklich fiel ihr all das zu, was sie in den letzten beiden Jahren unter all den Mädchen am Gymnasium so hervorhob: Eleganz, Anmut, Geschick und der heitere, aber hellwache Glanz ihrer Augen. […] Unmerklich wuchs sie zu einer jungen Frau heran, unmerklich festigte sich ihr Ruf am Gymnasium, und schon gingen Gerüchte, sie sei leichtfertig, sie könne ohne Verehrer nicht leben“.

Als die Schulleiterin jenem Mädchen nun unschickliches Auftreten vorwirft und sie daran erinnert, dass sie vorerst „nur eine Gymnasiastin“ sei, fällt Olja ihr ins Wort und sagt etwas, das ein junges Mädchen bei Tolstoi z. B. nicht hätte sagen können: „Verzeihen Sie, Madame, sie irren sich: Ich bin eine Frau. Und wissen Sie, wer schuld daran ist? Papas Freund und Nachbar – Ihr Bruder, Alexej Michailowitsch Maljutin. Es geschah im vergangenen Sommer auf dem Lande …“ Nähere Ausführungen folgen nicht. Wie meist in seinen Sexszenen blendet Bunin auch hier nach dem ersten, in diesem Fall erzwungenen Kuss ab. Aber die Situation ist eindeutig. Der 56-jährige Maljutin mag es für eine galante Eroberung gehalten haben. Nach heutigen Maßstäben war es eine Vergewaltigung. Bunin selbst lässt daran keinen Zweifel.

 

Das war 1916 in den Gesellschaftskreisen Bunins nicht revolutionär, aber doch gewagt. Und genau darum ist „Leichter Atem“ nicht nur ein Paradebeispiel für Bunins Kunst, die Erzählung gibt auch wichtige Hinweise auf seinen Platz in der russischen Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts. Jedes Jahr sind wir mit einem dieser in blaues Leinen eingeschlagenen Bücher beschenkt worden, und inzwischen gehört der russische Schriftsteller zu den Säulenheiligen des kleinen Züricher Dörlemann Verlags. Viele von Bunins Werken wurden neu übersetzt und der Verlag erfreut sich inzwischen einer viel beachteten 10 Bändigen Werkausgabe.«

 

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Kategorie: Schlagwort:

Barbara Ter-Nedden

Barbara Ter-Nedden hat ihre Liebe zu den Büchern schon frühzeitig entdeckt. Während ihres Germanistik- und Romanistikstudiums wurde diese Vorliebe zur Leidenschaft.

Zusätzliche Information

Titel

Leichter Atem. Erzählungen 1916-1919.

Autor

Iwan Bunin

ISBN

9783038200734

Bibliographische Angaben

Hardcover, 288 S., Dörlemann Verlag

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