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Cloris von Rye Curtis

24.00 

»Nature Writing ist eine literarische Gattung der fiktionalen oder nicht-fiktionalen Naturbeschreibung. Sie ist besonders im angelsächsischen Raum beheimatet. Charakteristisch für das Nature Writing ist der die Natur beobachtende, beschreibende und empfindende Mensch, eine von Henry David Thoreau (1845) begründete Tradition. Das Nature Writing besitzt heute wie damals ein weites Spektrum von der einfachen Reise- Abenteuerbeschreibung über essayistische oder poetische Werke bis zur tiefen Naturreflexion. Man denke nur an die großartige Reihe „Naturkunden“ von Matthes & Seitz oder ein besonders schönes Beispiel: Sue Hubbell, ehemals Bibliothekarin, heute Bienenzüchterin auf einer einsam gele­genen Farm in Missouri. Ihr Buch „Leben auf dem Land“ kennen Sie vielleicht, denn ich empfehle es seit einigen Jahren als eine für Leib und Seele wohltuende Lektüre. Heute nun ein brandneuer Roman, der zu diesem Genre gehört:

Cloris ist der Vorname einer der ungewöhnlichsten Heldinnen über die ich je gelesen habe. Die 72-jährige Texanerin überlebt wie durch ein Wunder einen Flugzeugabsturz in den Bitterroot Mountains, einem Gebirgszug im Nirgendwo des amerikanischen Westens und kämpft sich fortan durch die Wildnis. Die Aussichten der früheren Bibliothekarin, die ein behütetes Leben mit ihrem Mann führte, in dieser Extremsituation zu überleben, sind schlecht. Doch die alte, freundliche Dame entwickelt einen Überlebensgeist und eine Widerstandsfähigkeit, nur ausgestattet mit ein paar Karamellbonbons und dem wasserdichten Stiefel ihres zu Tode gekommenen Mannes, der fortan als Trinkgefäß dient.

Der junge Autor Rye Curtis erzählt in seinem Debüt das Martyrium aus der Sicht der alten Dame, die zunächst nicht aus der Wildnis herausfindet und später verunsichert darüber ist, ob sie überhaupt zurück in die Zivilisation möchte. Die Handlung ist dramatisch, denn Cloris trotzt Unwettern, wilden Tieren, Feuern und dem Hunger, aber auch komisch und makaber. In einem regelrechten Plauderton beschreibt Cloris rückblickend über die schrecklichsten Dinge, die sie erlebt hat: beispielsweise als sie stolperte und auf’s Gesicht fiel: „Getrocknetes Blut platzte von meiner Stirn wie Farbe von einem alten Präriehaus.“

Auch die zweite Hauptperson besitzt einen starken Willen, die Parkrangerin Debra Lewis, die sich in einer zweiten Erzählebene auf die Suche nach Cloris macht. Ihre aussichtslose Suche hat etwas Obsessives: Nach einer gescheiterten Ehe ist sie an einem Nullpunkt angekommen. Sie trinkt unausgesetzt, hört psychologische Ratgebersendungen im Radio und fängt eine Beziehung mit dem Mitglied des Suchteams an. Beide Frauen begeben sich in eine Natur, die sie einerseits verschlingt, aber auch aufnimmt und zur Reflexion über die Sinnhaftigkeit ihres vergangenen Lebens anregt.

Der Mensch, der in der Natur sein wahres Ich findet; das ist ein häufig verwendetes Bild, eine Tradition der literarischen Naturerkundung. Der junge, begabte Autor Rye Curtis greift sie hier auf, um zwei unterschiedliche Heldinnen und die Menschen, die sie umgeben in ihrer körperlichen und seelischen Versehrtheit darzustellen. Ein Abenteuerroman, ein Psychogramm, eine philosophische Weltbetrachtung von Mensch und Natur, ein großartiger Roman.«

 

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Kategorie: Schlagwort:

Barbara Ter-Nedden

Barbara Ter-Nedden hat ihre Liebe zu den Büchern schon frühzeitig entdeckt. Während ihres Germanistik- und Romanistikstudiums wurde diese Vorliebe zur Leidenschaft.

Zusätzliche Information

Titel

Cloris

Autor

Rye Curtis

ISBN

978-3-406-75535-4

Bibliographische Angaben

Hardcover, 352 S., C. H. Beck Verlag

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