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Tarjei Vesaas von Die Vögel

23.00 

»Im letzten Jahr hat die Buchbranche Das Eisschloss von Tarjei Vesaas hymnisch gefeiert. Dem Autor ist ein ungewöhnliches Buch über Einsamkeit und Trauer gelungen – in einer poetischen Sprache, die seinesgleichen sucht, woran die Neuübersetzung Hinrich Schmidt-Henkels bestimmt nicht ganz unschuldig ist. Fast genau ein Jahr später erscheint ein neuer Roman dieses bereits verstorbenen Autors: Die Vögel. Und wer Vesaas (1897-1979) bisher nicht kennt, sollte sich diesen besonders gelungenen Text nicht entgehen lassen.

 

 

Die Hauptperson ist Matti, der Dussel. Er lebt mit seiner Schwester Hege abgelegen im eigenen Häuschen. Da die Eltern bereits das Zeitliche gesegnet haben, fällt der Schwester die Aufgabe zu, auf den Bruder zu versorgen. Mit Matti stimmt etwas nicht; er kann die übermäßig vielen Gedanken in seinem Kopf nicht bündeln und bringt deshalb nichts zustande. So jedenfalls erscheint es für die Außenwelt. Doch der Autor berichtet aus Mattis Bewusstseinsstrom, wodurch wir Leser erleben, dass der junge, sensible Mann eine messerscharfe Wahrnehmungsgabe besitzt. Der scheinbar Einfältige entpuppt sich als vielschichtiger Charakter, der zwar vieles nicht versteht, aber mit hellseherischer Intuition Dinge erspürt, die gewöhnlichen Menschen verborgen bleiben. Diese wahrnehmende Intensität geht auch am Leser nicht vorbei und er fühlt gleichsam Mattis Kummer oder Schwermütigkeit. Wir erleben, was in dieser unterschätzten und stillen Person Aufregendes vorgeht.

 

Seine Schwester, die für den Unterhalt sorgt, indem sie einen Pullover nach dem anderen strickt, ist oft ungeduldig und verdonnert ihn zum Arbeiten im Dorf. Dass das nicht funktioniert, kann man sich denken, denn Mattis Welt ist eine andere als die der übrigen Dorfbewohner. Er nimmt den Schnepfenflug wahr, der genau über seinem Haus verläuft und meint, nun werde alles anders. Eines Tages fasst er den Entschluss, Fährmann zu werden und rudert mit seinem morschen Boot geduldig über den See, nur dass es keine Gäste gibt, die seine Fähre in Anspruch nehmen würden.
Das Leben der einfachen Familie ändert sich, als Mattis einen Holzfäller über den See geleitet, der daraufhin als Gast im kleinen Häuschen wohnt und sich in die einsame und unglückliche Hege verliebt. Damit nimmt das Unglück seinen Lauf, denn Mattis – in seiner Hellsichtigkeit – lebt von nun an in großer Panik, von den beiden alleingelassen zu werden.

 

Der Leser kann sich kaum loslösen vom Innenleben dieses merkwürdigen Helden und dessen eigentümlichem Denken, das geprägt ist von der nordischen Welt – deren Übersetzung Schmidt-Henkel besonders gut gelungen ist. Das Ende lässt uns verwirrt zurück und an einen anderen Roman der hochartifiziellen Weltliteratur denken, der einzigartig und für die moderne Erzählform bahnbrechend war: William Faulkners Schall und Wahn. Erinnern wir uns: Der erste Teil gibt die Wahrnehmungen und Erinnerungsfetzen des schwachsinnigen Benjy am Karsamstag, dem 7. April 1928, wieder. Auch hier nimmt der Leser die Geschehnisse durch den Kopf eines geistig Eingeschränkten wahr. Dieser kann sie nicht einordnen, nicht durch ein eigenes Ich-Bewusstsein gliedern – ein interessanter Kunstgriff, denn umso prägnanter tritt dadurch die gesellschaftliche Situation ans Licht. Wer will, stößt hier auf viele Rückschlüsse auf die heutige Situation der USA.
Das Sprechen eines „Idioten“ ist auch ein augenzwinkernder Verweis auf eine Stelle in Shakespeares Macbeth, die dem Roman den Titel gegeben hat: das Leben sei „a tale told by an idiot, full of sound and fury, signifying nothing“ – eine Geschichte also, die von einem Idioten erzählt wird, voller Lärm und Wut, während nichts von Bedeutung ist.

 

Ich lege Ihnen das Buch des Norwegers Vesaas ans Herz. Lesen Sie dieses Werk voller Empfindsamkeit und wenn es Ihnen ebenso zuspricht wie mir, empfehle ich Ihnen den literarischen Vergleich mit Faulkners Schall und Wahn. Die beiden Titel scheinen gemeinsam eine ganz eigene Geschichte zu weben.«

 

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Kategorie: Schlagwort:

Barbara Ter-Nedden

Barbara Ter-Nedden hat ihre Liebe zu den Büchern schon frühzeitig entdeckt. Während ihres Germanistik- und Romanistikstudiums wurde diese Vorliebe zur Leidenschaft.

Zusätzliche Information

Titel

Die Vögel

Autor

Tarjei Vesaas

ISBN

9783945370285

Bibliographische Angaben

Hardcover, 276 S., Guggolz Verlag

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