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Levys Testament von Ulrike Edschmid

20.00 

»Ein schmales Bändchen von einer Frau, deren Bücher ich alle lese: Ulrike Edschmid, eine der deutschen Schriftstellerinnen, die wie sie selbst sagt, „in einem kritischen Abseits“ lebt. Was heißt das anderes, als dass sie sich vom allgemeinen Kulturbetrieb distanziert und an den literarisch wechselnden Moden nicht teilhat. Sie war in die politischen Ereignisse der 60er/70er-Jahre selbst involviert und nimmt Stoffe aus dieser jüngsten Vergangenheit auf.

 

Ihren neuen Roman, der eigentlich ein autobiografischer Bericht ist, widmet sie dem polnisch-jüdischen Theatermacher Brian Michaels, der im Buch nur „der Engländer“ genannt wird. Im Roman folgt sie ihm vom Moment ihrer Begegnung bis in die Jetztzeit. Wie in all ihren Büchern erzählt sie in kühlem, sehr zurückhaltendem Ton. Sie verwendet in ihren Texten das Präsens, das dafür sorgt, dass im Moment des Erinnerns die Vergangenheit immer wieder aufblitzt und neu lebendig wird.

 

Den Buchumschlag von „Levys Testament“ ziert ein Stadtplan des Londoner Nordens, wobei der Stadtteil Tottenham ins Zentrum gerückt ist. Der Verein, um den es geht, ist der Tottenham Hotspur Football Club, kurz Spurs genannt, der im Jahr 1882 gegründet wurde und auf eine ähnlich wechselvolle Geschichte zurückblickt wie in Deutschland Schalke 04. Der letzte Satz im abschließenden 49. und kürzesten Kapitel des Romans ist ein Kommentar zu diesem Verein: „Our team lost […] but the game was better than Shakespeare.“ Fußball wird zu einem Leitmotiv des Romans. Er beginnt damit, wie die Ich-Erzählerin im Winter 1972 von Berlin nach London kommt und dort „den Engländer“ kennenlernt, von dem im weiteren Verlauf fast ausschließlich die Rede ist. Es wird angedeutet, dass sie in London Ruhe vor den polizeilichen Nachstellungen sucht, die einem Mann gelten, „der aus meinem Leben verschwunden und mit falschen Papieren untergetaucht ist“ – ein Hinweis auf Philip S., der im Mai 1975 beim Schusswechsel mit der Polizei auf einem Kölner Parkplatz stirbt („Das Verschwinden des Philip S.“).

 

Es ist erstaunlich, wie viel historische Wirklichkeit Ulrike Edschmid in ihrem Roman unterbringt. In knappen Sätzen wird die politisch aufgeheizte Situation der 1970er-Jahre geschildert: Bombenanschläge der IRA und der Angry Brigade, Urteile über Mitglieder dieser Gruppe in einem der längsten Prozesse der britischen Justizgeschichte, Häuserkampf im Frankfurter Westend, „politische Fabrikarbeit“, der sich der Engländer anschließt, indem er zwei Jahre bei Degussa arbeitet, die „Nelkenrevolution“ in Portugal, Flugblattaktionen gegen Francos Diktatur in Spanien, schließlich der Bombenanschlag auf den Hauptbahnhof von Bologna 1980. Hinzu kommen Schlaglichter auf Prozesse, die im Old Bailey, dem zentralen Strafgerichtshof Großbritanniens, geführt wurden. Daneben das persönliche Schicksal des „Engländers“.
Levys Testament, das des Großvaters, wurde Jahrzehnte nach seinem Tod wiedergefunden und verlesen. Der Engländer fährt zu der Familienfeier und entdeckt dort die Geschichte seines Vaters. Ihm, Ginger Joe, hat Edschmid ihren Roman gewidmet, der ein kümmerliches Dasein in der englischen Arbeiterklasse führte. Der Sohn versteht nun den einzigen Satz, den sein Vater jemals über seine Familie sagte: „They did not look after me.“ Er selbst fühlt sich als doppelt Ausgestoßener: als Mitglied dieses vergessenen Zweigs einer Oberklassenfamilie und als Jude in Deutschland, wo er später lebt.

 

Ulrike Edschmid gewinnt der Tragödie der Familie des Engländers doch etwas Versöhnliches ab, wenn sie darstellt, dass der Fußball – die Leidenschaft für die Spurs – ihn mit seinem Vater verbunden hat. Als in Frankfurt dann ihre Beziehung zu ihm auseinanderbricht, heißt es: „Am Ende ist Tottenham sein letzter Halt.“
Ulrike Edschmid ist bekannt für ihre dichte Sprache und ihren gedrängten Erzählstil. Auch ihr neues Buch zeichnet sich dadurch aus. Manche Passagen sind anschaulich wie Fotografien, andere wie Schlaglichter. Die Autorin schöpft die Geschichte nicht aus, sondern taucht mit Leichtigkeit punktuell in sie ein, um sie wieder loszulassen. Es ist ein ungewöhnliches und tief berührendes Buch.«

 

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Kategorie: Schlagwort:

Barbara Ter-Nedden

Barbara Ter-Nedden hat ihre Liebe zu den Büchern schon frühzeitig entdeckt. Während ihres Germanistik- und Romanistikstudiums wurde diese Vorliebe zur Leidenschaft.

Zusätzliche Information

Titel

Levys Testament

Autor

Ulrike Edschmid

ISBN

978-3-518-42974-7

Bibliographische Angaben

Hardcover, 144 S., Suhrkamp Verlag

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